Sensible Sache 

Viele Babys und kleine Kinder erkranken an einer Allergie. Wen es trifft, das entscheiden vor allem die Gene. Trotzdem können Eltern vorbeugen und einiges für ihr Kind tun 

Unser Immunsystem ist ziemlich schlau. Es verteidigt uns gegen Viren, Bakterien und Keime. Doch manchmal reagiert es über und greift Stoffe an, die harmlos sind (meistens Eiweiße). Die Folge kann Heuschnupfen, Neurodermitis, Asthma oder eine Nahrungsmittelallergie sein. Da die Gene eine große Rolle spielen, sind vor allem Kinder gefährdet, deren Eltern oder Geschwister bereits an einer Allergie erkrankt sind. In Deutschland ist das jedes dritte Baby. Wenn beide Elternteile betroffen sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachwuchs erkrankt, auf bis zu 80 Prozent. „Auch wenn Eltern alles richtig machen: Eine Garantie, dass das Kind von Allergien verschont bleibt, gibt es nicht“, sagt Prof. Dr. Erika von Mutius, Oberärztin am Dr. von Haunerschen Kinderspital und Leiterin des Instituts für Asthma- und Allergieprävention in München. Doch das heißt nicht, dass Eltern nichts tun können. 

Ein wichtiger Faktor ist die Ernährung – und zwar schon vor der Geburt. "Studien haben gezeigt, dass bestimmte ungesättigte Fettsäuren, die beispielsweise in Lachs oder Makrele enthalten sind, einen positiven Effekt auf die Prävention von Allergien haben“, erklärt Dr. Imke Reese, Ernährungswissenschaftlerin aus München mit dem Schwerpunkt Allergien. Werdenden Müttern empfiehlt sie fetten Seefisch mindestens zweimal Woche oder Omega-3-Fettsäuren als Supplemente.Die entscheidende Phase der Allergieprävention beginnt ab der Geburt. Besonders in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten ist das Immunsystem des Kindes sensibel. Die Ernährung spielt jetzt eine wichtige Rolle – schließlich sitzt ein Großteil des körpereigenen Abwehrsystems im Darm.

Jedes sechste Kind leidet aktuell an Heuschnupfen (9 %), Asthma (4 %) oder Neurodermitis (7 %). 

QUELLE: KIGGS-STUDIE 

Das Beste fürs Kind ist Muttermilch. „Sie enthält körpereigene Eiweiße, die nur selten eine Allergie auslösen“, sagt Imke Reese. Muttermilch kräftigt auch den Stoffwechsel, die Darmflora und das Immunsystem. Doch sie ist nicht frei von Allergenen: In ihr stecken Spuren aus Mamas Nahrung. Und das ist gut so! "Diese kleinen Mengen an Allergenen sind ein sehr gutes Training für das Immunsystem“, weiß Dr. Reese. Stillende Mütter brauchen nicht auf Milchprodukte, Eier oder Gluten zu verzichten (außer sie reagieren selbst allergisch darauf). Sie stillen nicht (mehr) und Ihr Baby hat ein erhöhtes Allergie-Risiko? Dann lautet die Empfehlung hypoallergene Milch, kurz HA-Nahrung. Wie jede industriell hergestellte Säuglingsnahrung enthält sie alle Nährstoffe, die das Baby braucht. Ihre Eiweiße sind aufgespalten (hydrolysiert) und leichter verdaulich. HA-Nahrung hat für Risikokinder einen ähnlich schützenden Effekt wie Muttermilch, vor allem bezüglich Neurodermitis. 

Auch wenn HA-Nahrung leicht bitter schmeckt – Babys gewöhnen sich schnell daran. Muttermilch und industriell hergestellte Säuglingsmilch sind die einzigen Nahrungen für Babys in den ersten vier Monaten. Selbst gemachte Milch auf Basis von Stuten-, Ziegen- oder Schafsmilch und Pflanzendrinks aus Reis, Soja, Hafer oder Mandeln können verheerende Folgen haben. „Selbst hergestellte Milch fürs Baby enthält nicht die Nährstoffe und Bestand- teile, die es braucht, um gesund zu wachsen. Sie kann zu einem Nährstoffmangel führen“, warnt Dr. Imke Reese. Das gilt für alle Babys, egal, ob es Allergien in der Familie gibt. Ist das Kind bereits gegen Kuhmilcheiweiß allergisch, braucht es eine Spezialnahrung. Dann unbedingt mit dem Kinderarzt sprechen, welche die richtige fürs Baby ist. 

Zwischen dem fünften und Anfang des siebten Monats ersetzt der erste Brei nach und nach die Milchmahlzeiten; Mutter- bzw. Säuglingsmilch gibt es aber zum Sattwerden weiterhin. Ab dem Breistart darf normale Säuglingsmilch ins Fläschchen – es spricht jedoch nichts dagegen, weiter bei HA-Nahrung zu bleiben. Streichen Mütter und Väter beim Brei vorsorglich be- stimmte Lebensmittel wie Fisch oder glutenhaltiges Getreide, so kann das mehr schaden als nutzen. Das Immunsystem muss trainieren. Ein unnötiger Verzicht könnte dazu führen, dass das Kind das Lebensmittel später tat- sächlich nicht verträgt. Auch Nährstoffmangel kann die Folge sein. Kuhmilch ist übrigens in kleinen Mengen schon ab dem zweiten Lebenshalbjahr erlaubt und eine wichtige Kalziumquelle im Milch-Getreide-Brei. Zum Trinken aus dem Becher be- kommen Kinder sie aber erst mit einem Jahr. Nur bei einer Sache ist Verzicht wirklich sinnvoll: beim Rauchen. Zigarettenrauch gilt als Hauptauslöser von Allergien. Nein zum Glimmstängel, ja zu einer frischen, ausgewogenen Ernährung – davon profitiert letztlich die ganze Familie. 

Checkliste: 10x ALLERGIE-RISIKO SENKEN 

Prävention geht durch den Magen — aber nicht nur. Mit diesen zehn Regeln können Eltern das Allergie- Risiko ihres Kindes verringern 

1. Nicht rauchen. Weder in der Schwangerschaft noch danach. 

2. Stillen. Oder, wenn das nicht klappt: 

3. HA-Nahrung füttern. 

4. Regelmäßig lüften. 

Das beugt Schimmelpilz in der Wohnung vor. 

5. Fisch auf den Speiseplan setzen. Am besten fettreichen wie Lachs oder Makrele. 

6. Beikost zur richtigen Zeit einführen. Frühestens mit dem Beginn des fünften Monats und spätestens mit Beginn des siebten Monats geht‘s los (Mutter- oder Säuglingsmilch gibt‘s aber weiterhin). 

7. Vielfalt im Breiteller ist gut. Am besten am Fahrplan des Forschungsinstituts für Kinderernährung orientieren. 

8. Keine Katze ins Haus holen (außer, Sie haben schon eine). Katzenhaare lösen häufig Allergien aus. 

9. Putzen, aber nicht desinfizieren. Wenn es klinisch sauber ist, kann das Immunsystem nicht trainieren. 

10. Impfen. Und zwar nach dem Impfplan des Robert Koch-Instituts.

Foto: Getty Images/Tatyana Tomsickova Photography

 

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